Teleboy bloggt

Aufregend oder zum Aufregen?

Mi, 29.04.2015, Yvonne Lichtsteiner

Sex sells! Das ist nicht nur in der Werbung so, sondern funktioniert auch auf der Kinoleinwand. Doch wann wird die Grenze zum Geschmacklosen übertreten? Und wann ist ein Film nicht mehr aufregend, sondern zum Aufregen?

Linda Lovelace, 11.05., 22:15 Uhr, ZDF

Wenn auf der Leinwand hemmungslos die Hüllen fallen und es ein Film vor allem durch nackte Haut und nicht durch nachhaltige Handlung in die Schlagzeilen schafft, dann sind die Kritiker und Moralprediger meist nicht weit. Zu viel nackte Haut, zu tabulos, zu provokant, zu anstössig... Die letzte Welle der Empörung dieser Art löste zweifelsohne die Verfilmung von «50 Shades of Grey» vor ein paar Monaten aus. Die Roman-Trilogie der britischen Autorin E. L. James erhitzte 2011 mit ihrem Sado-Maso-Lingo die Gemüter.

Anders als «50 Shades of Grey» fährt Feuchtgebiete (4. Mai, 22.15 Uhr) eine andere Schiene: Obwohl der Tenor in der Roman-Verfilmung von Charlotte Roche auch Prokovation ist, der Film 2008 ähnlich heiss diskutiert wurde und er mit Aussagen wie «Wenn man Schwänze, Sperma und andere Körperflüssigkeiten ekelhaft findet, kann man es mit dem Sex auch direkt bleiben lassen.» ausgeschmückt ist, unterscheidet er sich vom 08/15-Schmuddelkino. «Feuchtgebiete», mit der Schweizer Schauspielerin Carla Juri in der Hauptrolle, ist das Porträt einer jungen Frau, die beim Masturbieren gerne mit Gemüse experimentiert, sich mit ihrer Freundin gegenseitig Menstruationsblut ins Gesicht schmiert, absichtlich und sichtlich genüsslich mit nacktem Hintern über die Klo-Deckel von öffentlichen Toiletten fährt und gegen Lustfeindlichkeit sowie Hygienewahn zu Felde zieht. Auch wenn manch einem Kinogänger wohl die Lust am Popcorn beim Anblick einer mit Sperma garnierten Pizza oder der Ausführung, wie Hämorrhoiden im Detail aussehen, vergeht, will Charlotte Roches Geschichte nicht nur provozieren. So sollen Roman und Film nicht unsere voyeuristische Vorlieben befriedigen, vielmehr wird ein längst überfälliger Diskurs behandelt. Weg von übertriebenem Hygienewahn und unrealistischem Perfektionismus, und hin zu Akzeptanz gegenüber des eigenen Körpers.

Während «Feuchtgebiete» lediglich semi-autobiografisch auf Charlotte Roches Leben basiert, beruht Linda Lovelace - Pornostar (11. Mai, 22:15 Uhr) auf einer wahren Geschichte: Sie dreht sich um eine junge Frau, die in den 1970er-Jahren massgeblich für die heutige sexuelle Freizügigkeit beitrug. Aus Geldnöten und durch ihren Liebhaber gedrängt, lenkt Linda Lovelace - im Film gespielt von Amanda Seyfried - ein, in einem Pornofilm mitzuspielen. «Deep Throat», wie der Titel des Schmuddelfilmchens hiess und eine Oralsex-Praktik beschreibt, schlug ein wie eine Bombe, avencierte zum Klassiker und Lovelace zum ersten grossen Star der Branche. Sogar der Informant des Watergate-Skandals in den 1970er-Jahren wählte «Deep Throat» als Deckname und trug dazu bei, den Begriff salonfähig zu machen. So ist die Praktik heute ein fester Bestandteil in vielen Pornofilmen. Von der schlüpfrigen Thematik überschattet, wird im Verlaufe des Filmes deutlich, dass Lovelaces Leben und Karriere eigentlich von Gewalt und Missbrauch geprägt war. Und so war «Deep Thraot» nicht nur der erste kommerziell erfolgreiche Pornofilm, sondern auch ein gesellschaftliches Wachrütteln und Linda Lovelaces Leben eine Sensibilisierung für Frauen, die in jener Branche oft nicht nur Körper, sondern auch Seele jedem auf dem Serviertablett präsentieren.

Zum Nachdenken regt denn auch das Drama Shame (18. Mai, 22:15 Uhr) an: Die Geschichte dieses Filmes ist zwar im Gegensatz zu den anderen beiden völlig frei erfunden, trägt aber nicht weniger Wahrheit in sich. Michael Fassbender mimt einen auf den ersten Blick erfolgreichen, gutaussehenden, charmanten Mann, der jede Frau haben könnte, die er will - was er auch tut, denn er hat Sex, sehr viel Sex. Allerdings befriedigt er dadurch nicht seine sexuelle Lust, sondern eine Sucht. Das Thema der Sexsucht erlangte in den Medien vor allem in den letzten Jahren grosse Aufmerksamkeit. So sollen etwa David Duchovny, Michael Douglas und nicht zuletzt Star-Golfer Tiger Woods an Sexsucht gelitten haben. Lange als billige Ausrede für Untreue und einen ausschweifenden Lebensstil abgehandelt, stösst das Thema je länger desto mehr nicht mehr auf taube Ohren.

Sex als Business-Modell gehört zur Gesellschaft. Dass nackte Haut auf der Leinwand aber viel mehr mit Gesellschaftskritik und dem Aufbruch eines Tabuthemas und weniger mit eigentlichem Sex verbunden ist, geht im Meer entblösster Schenkel, Brüste oder Geschlechtsteilen oftmals unter. Deshalb sollten wir versuchen, diese Filme nicht automatisch in die Schmuddelecke zu verbannen und mit erhobenem Zeigefinger zu mahnen, sondern sie zu hinterfragen - auch wenn dies erst beim zweiten Blick funktioniert!

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