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Lämmer für die Reeperbahn - Wettin und seine Schäferschule ©
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Diese Sendung ist nur noch im Replay verfügbar.
Dienstag, 04. August • 21:00 - 21:45

Lämmer für die Reeperbahn - Wettin und seine Schäferschule

Dokumentation

"Jedes Dorf musste eine Herde Schafe haben. Ob es dahin gepasst hat oder nicht, hatte keine Rolle gespielt", erinnert sich Schäfermeister Lutz Hager aus Barby. Das war ein Parteiauftrag und für den wurden dringend Schäfer benötigt. Diese wurden in Wettin an einer der wenigen Schäferschulen auf der ganzen Welt ausgebildet. Die Geschichte dieser besonderen Schule in dem Ort bei Halle ist jedoch bis heute nahezu unbekannt. Tausende Lehrlinge wurden hier zu DDR-Zeiten ausgebildet und als Schäfer in alle Ecken der Republik geschickt. Anfang der 1970er-Jahre starteten die Agrarplaner der DDR ein einzigartiges Programm. "Die Parteiführung wollte das so und da musste das gemacht werden", erzählt Lutz Hager.
2,65 Millionen Schafe grasten damals auf den Wiesen der DDR. Wegen ihrer Genügsamkeit wurden sie auch "Pfennigsucher" genannt. Und genau deshalb wurden sie zu einem beträchtlichen Wirtschaftsfaktor. Denn über 50 Prozent ihres Futters stand auf Wegerändern, Unland oder abgeernteten Feldern kostenlos zur Verfügung. Gleichzeitig wurden sie zu wertvollen Devisenbeschaffern. 90 Prozent des Lammfleisches wurde exportiert - vor allem nach Westdeutschland und in die arabischen Staaten. Nur die Altschafe blieben in der DDR zurück - mit bis heute spürbaren Folgen: "In den DDR-Küchen hat man dadurch die Bevölkerung mit Hammelfleisch vergrämt. Alte Böcke schmecken einfach nicht. Und es ist heute noch so, dass der Konsum von Schaffleisch in den neuen Bundesländern geringer ist als in Westdeutschland", weiß Dr. Knut Strittmatter, Leiter für Tierzucht an der Universität Leipzig.
Doch hauptsächlich ging es damals weniger um das Fleisch, sondern vor allem um die Wolle. Jedes Kilo, das auf dem Rücken eines DDR-Schafes wuchs, musste nicht aus Neuseeland oder Australien gegen harte Devisen importiert werden. Mit der Einführung der künstlichen Besamung 1971 erreichten die Wollerträge bald Rekordzahlen. Im Mittelpunkt stand das Merinolangwollschaf - bis zu 6 Kilogramm Wolle geben gute Tiere pro Jahr ab. "Die Wolle war damals wertvoller als das Fleisch. Jetzt muss ich dafür sogar draufzahlen, für die Entsorgungskosten. Wer trägt heute noch echte Wolle? Das ist fast alles aus Polyester, also Öl", sagt Muhammed Özcan, türkischer Großhändler und Schlachter bei Hamburg. Er holt noch heute Lammfleisch aus Sachsen-Anhalt nach Hamburg, wo es großen Absatz unter anderem in Imbissen auf der Reeperbahn findet.
Bis zu 120 Mark pro Kilo gab es damals, heute sind es wenige Cent und die Kosten für das Scheren der Schafe oftmals höher als die Wolle selbst. Denn als jedes DDR-Schaf sein Plansoll mit 3,11 Kilogramm Reinwolle im Jahr sogar übertraf, öffneten sich die Grenzen. Und auf der anderen Seite standen die, die fortan als Norm gelten sollten: die West-Schafe mit den schwarzen Köpfen und der einzigen Funktion, möglichst schnell möglichst viel Lammbraten zu produzieren. Fast über Nacht begann 1990 das große Schafeschlachten. "Die Wende tat weh. Das, was wir in jahrelanger Arbeit zur Perfektion gebracht haben, wurde 1990 zerstört. Ganze Herden wurde gekeult oder an Westhändler verschenkt", berichtet Andrea Hager, ehemalige Lehrausbilderin für Schafzucht in Barby.
Die einzige Schäferschule Mitteleuropas in Wettin wurde 1991 abgewickelt und 6.000 Schäfer bangten um ihre Zukunft. Heute gibt es nur noch rund 1.000 in ganz Deutschland und auch die Schafbestände nehmen jährlich rapide ab.
Der Film von Peter Simank geht auf Spurensuche nach einem nahezu unbekannten Kapitel in der Geschichte Ostdeutschlands, begleitet einen Schäfermeister ein Jahr lang bei seiner Arbeit und hinterfragt dabei auch, wie es um die Zukunft der Berufsschäferei bestellt ist.

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