Tracks - Diese Woche in "Tracks": Helmut Berger, Icon-A-Class, Kill Mother Fucking Depeche Mode und God Art.
(1): Propaganda auf Marokkanisch: Kein Brot, aber Spiele!Nach Tunesien, Ägypten und Libyen begann am 20. Februar 2011 auch in Marokko der Protest, vor allem gegen die im ganzen Land verbreitete Geissel Korruption. Acht Monate später steht allerdings noch immer kein konkreter Umbruch auf der Tagesordnung. Wie kommt's? Einerseits, weil sich die politische Opposition im Exil befindet, und andererseits, weil dem marokkanischen König der ständige Spagat zwischen politischer Unbeweglichkeit und Meinungsfreiheit dadurch gelingt, dass er die Künstler auf seiner Seite hat. Ein Beispiel für diese königliche Strategie ist das Festival Mawazine (zu Deutsch: «Rhythmen der Welt»), das jedes Jahr in der marokkanischen Hauptstadt ausgerichtet wird. Auch 2011, der Empörung religiöser Hardliner zum Trotz, kommen wieder internationale Stars - von Kanye West über Lionel Richie, Joe Cocker und Cat Stevens bis hin zu Shakira - und natürlich alle arabischen Variété-Stars nach Rabat. Mawazine dient dem König als Schaufenster für eine inszenierte Öffnung des Landes und dem Volk als Ventil für sozialen Überdruck. Mawazine in Zahlen, das sind acht Bühnen, 120 Konzerte und zwei Millionen Zuschauer - für ein Budget von zehn Millionen Euro. Nur wenige Künstler trauen sich, offen das Regime zu kritisieren. Der Rapper Haqued musste diesen Versuch teuer bezahlen: Der eher unbekannte Künstler und Aktivist der Proteste des 20. Februar wurde im September 2011 festgenommen - und sitzt immer noch im Gefängnis. Selbst wenn Bands wie Hoba Hoba Spirit diskret mit den Protesbewegungen sympathisieren, drehen doch die meisten ihr Fähnchen nach dem Wind. Der Rapper Don Bigg zum Beispiel, der vorher offen das System kritisierte und die Korruption anprangerte, hat sich inzwischen zum innigsten Verfechter der Königsfamilie gewandelt. (2): Helmut Berger: Aufstieg und Fall einer IkoneKlaus Kinski und der Österreicher Helmut Berger sind wohl die exzentrischsten deutschsprachigen Filmschauspieler mit internationalem Ruhm. 1964 wurde Berger vom italienischen Regisseur Luchino Visconti entdeckt und schliesslich auch zu dessen Lebensgefährten. Durch Visconti-Filme wie «Die Verdammten» (1969), «Ludwig II.» und «Götterdämmerung» wurde er zur romantischen Film-Ikone. Der Tod Viscontis stürzte den «schönsten Mann der Welt» in eine tiefe persönliche Krise. In den 80er und 90er Jahren verfiel er dem Alkohol und anderen Drogen, spielte in italienischen Schnulzen und B-Movies, nahm sogar eine Rolle in der US-Serie «Der Denver-Clan» an. Mit Ironie und Bitterkeit besinnt sich der Schauspieler mit der aristokratischen Ausstrahlung auf seine Karriere. (3): Icon-A-Class: Anarchie in New JerseyDer aus Newark, New Jersey, stammende Will Brooks alias MC Dälek experimentiert seit 1998 mit einer Mischung aus Hip-Hop, der dunklen Seite des Punk, Industrial und Hardcore. Nach sieben Alben und ebenso vielen Tourneen gönnt sich MC Dälek ein Soloalbum, ohne seinen Weggefährten DJ Oktopus. Mit seinem gerade frisch in Europa erschienenen Album und einem aussagekräftigen «A» (für Anarchie) um den Hals macht Icon-A-Class in Paris Station und bringt mit seiner Live-Performance das Konzerthaus Glazart zum Brodeln. (4): KMFDM: Kill Mother Fucking Depeche ModeWas wären Nine Inch Nails oder Marylin Manson ohne ihren Einfluss? Wahrscheinlich dröge Mainstream-Rocker. Disco-Rhythmen und E-Gitarren vor einem von Anarchie und Krieg geprägten Hintergrund - das ist seit 1984 die bewährte Masche von KMFDM. Der 1961 in Hamburg geborene Sascha Konietzko, Gründer und Frontman der Band sowie bekennender ABBA-Fan, wehrt sich gegen Klischees über industrielle Musik und trug damit dazu bei, das Industrial-Genre aus seinem Nischendasein zu befreien. Ein One-way-Ticket nach Chicago half KMFDM 1990 beim Sprung von der Underground-Band zur Hitmaschine, mit Clips in MTV und dem Soundtrack einer Folge von «Beverly Hills». 1999 war KMFDM als Lieblingsband der beiden jugendlichen Killer indirekt in den Amoklauf von Columbine verwickelt. In Paris, wo er vor 27 Jahren sein erstes Konzert gab, kommentiert Sascha die Saga KMFDM. (5): GOD ART: Frankenstein und KonsortenJungs werden in Kohlköpfen geboren, Mädchen im Rosenbeet … God Art-Künstler halten sich für Dr. Frankenstein und Gott in einem. Die Ergründung der menschlichen Natur war schon immer sein «Ding»: Erst war er Maler, dann wurde der Japaner Hiroshi Ishiguro Forscher auf dem Spezialgebiet der Robotik. Er ist der Erfinder erstaunlicher Androiden, die mal ihm selbst, mal Schauspielern ähneln. Der Amerikaner Adam Brown befasst sich mit den Entstehungsmythen: Mit seiner Installation «Origins of Life» versucht er die aus verschiedenen Gasen, Sauerstoff und Wasserstoff bestehende Atmosphäre nachzubilden, in der das Leben auf der Erde begann. Der belgische Künstler Tuur Van Balen zeigt seine Biotech-Performances in der Ausstellung «Alter Nature»: Wie lässt sich eine Taube gentechnisch so verändern, dass sie Seife ausscheidet, und wie schmeckt ein Essen, das mit dem eigenen Blut gekocht wurde? [Arte]
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Genre: | Musik | ||
| Datum: | 22.12.2011 | Sprache: | Deutsch |
