Tracks - Diese Woche u.a. in Tracks: Der finnische Quertreiber M.A. Numminem singt aus avantgardistischem Prinzip falsch.

(1): M.A. Numminen: «Immer falscher singen!» Sein Motto lautet: Immer falscher singen! Dennoch sind die Konzerte von Mauri Antero Numminen, dem heute 71-jährigen Paten der finnischen Avantgarde, nach wie vor ausverkauft, sowohl in seiner Heimat als auch in Schweden und Deutschland. In den 1960er-Jahren eckte er im konservativen Finnland mit seinem provokanten Bühnengehabe an: Er rülpste, sang Texte aus Handbüchern über Sexualerziehung oder verballhornte mit näselnder Stimme Klassiker von Schubert. Seine Platten sind voll von skurrilen Covers finnischer Tangos, alter deutscher Schlager, Kinderlieder oder in Liedform gefasster philosophischer oder administrativer Texte. M. A . Numminen - Sänger, Komiker, Autor, Schauspieler, Produzent und Filmemacher - ist Enfant terrible und ewiger Liebling der Finnen. «Tracks» traf den hyperaktiven Siebzigjährigen anlässlich seines ersten Konzerts in Paris im Centre Barbara im Rahmen des Festivals «Sonic Protest». (2): Woolies: Woll-Lust pur! Latex ist out, Wolle ist in. Für Woll-Fetischisten, die so genannten «Woolies», gibt es nichts Erotischeres als einen dicken Strick-Rolli oder einen Overall aus Mohair. Die 46-jährige Deutsche Lady Mohair hing ihre Arbeit als Buchhalterin in Winsen an den Nagel, um sich ganz dem Stricken zu widmen. Sie ist in der Szene ein Begriff und verkauft ihre Kreationen über das Internet an Fetischisten aus aller Welt. Manche Einzelstücke gehen für 700 Euro über die virtuelle Ladentheke, aber es gibt auch erschwingliche Teile wie z. B. den «Willy Warmer» für 10 Euro. Das Internet ist die ideale Plattform für diese 10 000 Mitglieder starke internationale Community. Der typische «Woolie» ist männlich, schüchtern - und Woll-lüstig. Aber Wolle kann nicht nur wegen ihrer Beschaffenheit erotische Fantasien auslösen, sondern eignet sich auch hervorragend für Bondage und andere SM-Spielchen. Der 45-jährige Knuti - als Hommage an den im vergangenen März verstorbenen Eisbär Knut - lebt mit seiner Frau, einer Domina, in der Nähe von Hamburg. Die beiden führen eine eher kuschelige SM-Beziehung: sie zwingt ihn, sieben Tage die Woche in einem Wollkostüm zu verbringen. Das Phänomen verbreitet sich derart, dass sich jetzt auch Künstler dazu bekennen. Die Französin Christelle Familiari entwarf zwölf «Woll-Objekte» - entweder als Ausstellungsstücke oder zur tatsächlichen Benutzung - darunter der «Masturbations-Slip», der «Penetrations-Slip» oder die «Kopfmaske für Verliebte», die bei Hochzeiten reissenden Absatz findet. (3): Cleopatra Wong: «Female Big Boss» Diese Ikone des asiatischen Exploitation-Films lieferte Quentin Tarantino die Vorlage zu der von Uma Thurman in «Kill Bill» verkörperten Figur. Die in Singapur geborene Doris Young, alias Marrie Lee oder Cleopatra Wong, drehte die meisten ihrer Filme Ende der 1970er-Jahre auf den Philippinen. Sie wurde als 18-Jährige bei Castings entdeckt und war bald ein Star des südostasiatischen Exploitation-Films. Die Abenteuerreihe ihrer Figur Cleopatra Wong schöpfte die Zutaten für ihren Erfolg aus Karate- und James-Bond-Movies, gut durchmischt mit den Kriterien des populären philippinischen Films, der damals seine Blütezeit hatte. Von «Queen Cobra» bis hin zu «Dynamite Johnson» spielte sie die Rolle des Guerilla Girls, das sich gerne mit Machos und fanatischen Grössenwahnsinnigen anlegt. Eine echte Herausforderung, wenn man weiss, dass die Philippinen zu jener Zeit mit eiserner Hand von Ferdinand Marcos geführt wurden, der alle Dreharbeiten streng überwachen liess. (4): Cerrone: Marc und wie er die Disco sah Eigenen Angaben zufolge amüsierte sich Marc Cerrone 1976 im Alter von 24 Jahren, einfach aus «Discothek» den zweiten Teil des Wortes wegzunehmen - und benannte damit ohne es zu beabsichtigen ein Musikgenre, das zu Beginn der Siebziger in den USA entstand und Soul und Funk mischte: die Disco-Musik. 1972 war der Franzose mit italienischem Migrationshintergrund gerade einmal 20 Jahre jung. Er verliess seine Geburtsstadt Vitry-sur-Seine und ging an die Côte d'Azur. Dort spielte er Schlagzeug auf den Terrassen der hypen Bars in Saint-Tropez und lernte Eddie Barclay kennen, der ihm dabei half, die Band «Kongas» zu gründen. Nach zwei Hits und drei Jahren Tournee verliess er die Band, hielt der Musik jedoch die Treue. Er inspirierte sich an der aus den USA nach Europa kommenden Disco-Bewegung und erfand Disco-Musik mit dem berühmten «French Touch». Er wollte einen sinnlichen, tanzbaren Sound schaffen, zu dem man in den Discotheken leicht die Mädels anbaggern konnte - was ihm gelang. Für «Love in C Minor» bekam er 1977 sogar einen Grammy, es folgten eine Reihe von Erfolgsalben und Event-Konzerten in Paris, London, Tokio und Los Angeles. Bob Sinclar aktualisierte seine grössten Erfolge im Remix, und Cerrone ist immer noch reaktionsschnell: 2011 stand er mit der britischen Sängerin Elly Jackson im Duo «La Roux» wieder auf der Bühne. (5): Paille: Froh wie der Mops im Stroh! Paille alias Yoni Alpha ist der Dancehall-Shootingstar auf der westindischen Insel Martinique. Gerade gab er im Cabaret Sauvage in Paris sein erstes Konzert auf dem französischen Festland. Der 29-Jährige, dessen Künstlername an alkoholisierte Jugendsünden erinnert («être en paille» bedeutet auf Martinique völlig betrunken zu sein), berauscht sich inzwischen lieber am Adrenalin seiner Bühnenauftritte. Im normalen Leben ist er Dozent für Öffentlichkeitsarbeit, in der Dancehall verteidigt er die kreolische Kultur mit seinem Zouk, militanten Texten und Melodien aus dem traditionellen Repertoire von Martinique oder aus dem französischen Chanson. Sein typischer, rascher Flow - auch «Fastyle» genannt - brachte ihm schon mit 19 Jahren Bühnenbekanntheit. Zehn Jahre und zwei Alben später trägt er immer noch seinen Strohhut und verweigert sich dem «Bling Bling»-Dress Code der amerikanischen Rapper. [Arte]

Quelle: Genre: Musik
Datum: 8.9.2011 Sprache: Deutsch    

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